August 31, 2008

Ende Dezember fange ich auf einer neuen Arbeitsstelle als Zivildienstleistender an. Bis dahin, innerhalb von zwei Monaten, sollte ich entweder so enge Kontakte zu meinen bisherigen Kolleginnen geknüpft haben, dass diese über die folgende Zeit halten oder mir aus der übrig gebliebenen Zeit eine schöne Zeit zu machen.
Nächste Woche gehe ich mit der Kollegin zu der Einschulung eines liebgewonnenen Kindes aus dem Kindergarten, übernächste Woche findet eine Party statt, auf der ebenfalls beide liebgewonnenen Kolleginnen anzutreffen sind. Neulich saß ich mit der Kolleginnen auf der Couch und wir redeten über eine Freundin von ihr, die nur Unglück mit Männern hat. Diese Freundin stehe ja auch auf etwas kräftigere Männer…
Ob das ein Wink mit dem Zaunpfahl war? Zu neunzig Prozent nicht, aber die restlichen zehn Prozent könnten mir eine dauerhafte Tür in diesem Freundeskreis öffnen. Das nennt man dann wohl Perspektive.
August 27, 2008

Jedes mal, wenn ich Brüste, Hintern, also Symbole des Sex oder sexualisierte Symbole sehe, immer wieder, wenn mir eine ansehnliche Frau über den Weg läuft, muss ich daran denken, dass ich noch nie Sex hatte.
Was ich bereits tausende male in meinem Kopf durchgespielt habe, scheint in der Realität noch Meilen weit entfernt. In Wirklichkeit wüsste ich wohl nicht mal, wo es auf der Karte liegt. Mein einzige wirkliche Chance, in nächster Zeit mit einer Frau in eine Beziehung zu treten, wurde durch jemand aus ihrem Ruderverein zunichte gemacht. Vielleicht war ich einfach zu spät dran, momentan hoffe ich auf weitere Chance, darauf, beim nächsten mal etwas schneller zu sein. Dabei sehen die beiden ganz glücklich aus. Ich hoffe: noch.
Meine zweite, unwirkliche Chance, die Persönlichkeits- und Körperveränderung, schreitet schleichend voran. Mein Auszug in die Großstadt (die harte Realität™) und reale Pläne einen vernünftigen Beruf zu ergreifen scheinen mich zu leicht prägen. Meine Fitnessstudiobesuche werden regelmäßiger, bald wiege ich unter einhundert Kilo. Daran denkend, dass ich vor wenigen Monaten zwanzig Kilo mehr wog bin ich stolz auf mich, schaue ich mich im Spiegel an sehe ich fette Oberschenkel, geziert durch leichten Sommerausschlag.
Selbst, wenn jemand Sex mit mir haben wollen würde: Ich hätte Angst, mich zu zeigen. Ob das eventuellen Kontakt schon im Voraus verhindert, ein Damoklesschwert, dass über meinem Kopf schwebt? Mir scheint so. Und es frustiert mich.
August 25, 2008

Am Wochenende meine erste Fernreise mit dem ICE, am Ziel eine mir nur aus dem Internet bekannte Person getroffen. Nette Gespräche gehabt, weitere Freunde dieser Person getroffen und einen Tag später einen wunderbar konservativen Ausflugstag in eine rheinische Touristenhochburg gehabt. Mit klassischem Essen und Ansichtskarte, das volle Programm eben.
Die letzten vier Stunden, meine Gastgeber entließ ich bereits dankend in ihr wohlverdienstes Wochenende, saß ich mit drei Euro, einer Kreditkarte und ein wenig Gepäck auf dem Hauptbahnhof herum. Die großen Touristenattraktionen wirkten auf mich wie graue Gestalten, uninteressant. Ich saß da, habe nichts getan und Ewigkeiten passiv auf meinen Zug gewartet. Mit ein wenig mehr Geld wäre ich etwas essen gegangen, aber so: Saß ich da. Damit kann ich leben, mehr als mich meinen Gastgebern noch weiter aufzudrängen.
Auch, wenn ein kleiner Zweifel bleibt, ob ich mich gut benommen habe, alles zur Zufriedenheit war, denke ich an ein schönes Wochenende zurück. Und glaube, weil die nächsten drei Wochenenden bereits ähnlich mit netten Menschen verplant sind, dass sich diese wunderbare Ausnahme zur grandiosen Regel mausern könnte.
August 12, 2008

Der Umzug in meine neue und erste Wohngemeinschaft lief freundlich und reibungslos. Nach einem Kampfpreis für das Zimmer, einem zehnminütigen Vorstellungsgespräch und der SMS wenig später, dass man mich gerne als Mitbewohner hätte, zog ich innerhalb von wenigen Tagen ein.
So leicht der Umzug doch war, so schwer gestaltet sich ein erster Kontakt zu meinen Mitbewohnerinnen, zwei Krankenschwestern im Schichtdienst. Die üblichen Gespräche zwischendurch gelingen natürlich – wie die Waschmaschine funktioniert, warum in der Küche noch keine Deckenlampe hängt – aber ein privater Kontakt kam bisher nicht zustande. Gestern lief ich am Zimmer von K. vorbei, hörte sie weinend telefonieren, auch heute scheint es mir, als würde sie sich verkriechen. Vielleicht hat sie Beziehungs- oder Arbeitsprobleme, fakt ist jedenfalls dass der Gang durch den Flur zum Spießrutenlauf wird, begegnet man sich (selten), gibt es wenig zu sagen, begegnet man sich nicht (häufig), ist sowieso keine Gelegenheit da. Die zweite Mitbewohnerin habe ich seit Tagen nicht gesehen, was wohl am Schichtdienst liegt.
Wie ich nun den Weg in ein vernünftiges, freundschaftliches WG-Leben schaffe, ist mir selbst nicht klar. Alle beidem zu einem eigens gekochten Essen einzuladen liegt nahe, ist aber viel zu aufgesetzt und birgt das Risiko, weiterhin in kein richtiges Gespräch zu rutschen. Da bleibt noch die Hoffnung, sich durch kleine Küchengespräche an die beiden heranzutasten. Zeitlich schwierig, aber zumindest wesentlich natürlicher.
Prinzipiell hätte ich ja auch mit einer Zweck-WG keine Probleme, aber erstens ist dafür alles noch viel zu offen und zweitens habe ich hauptsächlich vor einem Angst: Dass die WG vorzeitig aufgekündigt wird und ich mir eine neue suchen muss. Ohne den Komfort in unbegrenztem Zeit und Raum zu suchen, mit der Gefahr, auf die Schnauze zu fallen. Auch wenn ich erst zwölf Tage, die Mädels nur einen Monat länger hier in diesen neuen Räumlichkeiten wohnen: Die Angst treibt mich, die Ahnungslosigkeit bremst mich.
August 8, 2008

Ich bin auf dem Weg zu meiner neuen Wohnung, zehn Minuten lief ich bereits von dem Haus meiner Eltern in Richtung Bahnhof. Dann ein Blitz, der einschlägt, direkt in meinen Kopf: Du hast doch gekocht. Hast du den Herd ausgemacht? Du hast doch Kaffee getrunken. Hast du die Maschine ausgemacht?
Ich wusste, dass ich beides niemals an lassen würde. Eigentlich saß ich nach dem Kochen noch viele Stunden vor dem Fernseher, ich hätte es also bemerken müssen, wenn etwas an wäre. Aber ganz genau konnte ich beides nicht bezeugen. Und so musste ich – sonst hätte ich mich 24 Stunden, bis ich das nächste mal zum Haus meiner Eltern gekommen wäre, mit dem Gedanken herumgeplagt, eventuell fürs Abbrennen des Hauses verantwortlich zu sein – zum Haus zurückgehen, nachgucken, nur um zu merken, dass natürlich alles ausgeschaltet war. 20 Minuten Fußweg für nichts und meine zu erreichende Bahn war natürlich weg.
Sowas passiert mir häufig. Schon, als ich mittags aus meiner neuen Wohnung losfuhr, dachte ich daran, vielleicht die Klobürste nach dem Einweichen nicht aus der Toilette herausgenommen zu haben. Was würden bloß die WG-Genossen denken? Sicher war ich mir nicht, zurückgegangen um nachzugucken bin ich aber auch nicht. Noch kann ich widerstehen.
Manchmal habe ich die Angst, später Gefangener meiner Psyche zu sein. Wenn ich mich bereits heute nicht auf das verlasse, was ich tue, wenn ich Instinkten nachgebe und nicht auf Rituale und Wissen vertraue, was wird dann mit mir in zehn Jahren sein? Plötzlich kann ich Menschen mit Putzfimmeln verstehen, weiß, was es heißt, sich einer Sucht nicht widersetzen zu können. Ich musste nachgucken. Ich habe nachgeguckt. Und ich würde auch wieder nachgucken, weil ich sonst viele Nächte nicht schlafen könnte.
August 7, 2008

Sie, eine Freundin aus alter Zeit, schreibt mir, ich solle ihr doch einfach einen Tag nennen, sie würde mal vorbeikommen. Und schon ist sie wieder da, die Angst, über nichts reden zu können, uninteressant zu sein, ein Klotz am Bein, den es abzuarbeiten gilt. Ich werde ablehnen, dezent auf ein Treffen mit weiteren alten Freunden lenken, so dass ich zumindest ein vernünftigen Weg in das Gespräch finden kann. Hoffe ich.
Sie hat, ich war Neuntklässler, sie Abiturientin, mit mir mal bei ihren Eltern in den Ferien ein paar Bier getrunken und mir die Band Freundeskreis vorgespielt. Seitdem bin ich nicht nur in Freundeskreis ein klein wenig verliebt. Spleenige Frau, schöne Frau. Weit weg, sie näher heranzuholen scheint schwierig.
August 6, 2008

Der Blick von mir, hinter ihr her, dieser weder dünnen noch dicken Frau meines Alters, dieser Blick sagt: Es gibt so viele Frauen, die keinen von der Mode projezierten Idealen entsprechen und mir trotzdem gefallen. Allein: Erreichbar sind sie nicht. Wahrscheinlich wird sich meine erste Beziehung auch nicht auf äußerlicher Basis, sondern auf Basis von gesundem Menschenverstand bewegen. Doch wer kann schon Verstände vergleichen. An der Erreichbarkeit würde auch diese Wunderfähigkeit nichts ändern.
Ich hatte schon überlegt, mich auf einem der üblichen Portale zur Partnerfindung anzumelden. Um den Schritt, auf jemanden zugehen zu müssen, würde ich auch da nicht herum kommen, nur wäre dann vielleicht auch mal die Gelegenheit da.
August 6, 2008

Den Punkt, mich über den selbstverschuldeten Verlust des Freundeskreises zu beklagen, habe ich schon länger hinter mir gelassen. Und doch bin ich bei den wenigen Treffen mit Leuten, die mir wirklich am Herzen liegen, viel zu steif, komme stundenlang nicht Fahrt und brauche Alkohol, um gesprächig und gesellig zu werden. Dann werden aus langweiligen Geburtstagen schöne Feste, die dank trunkenheit aber viel zu schnell vorbei sind.
Neulich hatte ich die vorletzte Stunde bei meinem Psychologen. Im Schwung des Revue passieren lassens erzählte er mich, dass ich zumindest bei ihm ein Gefühl der Unzulänglichkeit verursache, beim Begrüßen den Kopf senke, so dass man meine Mimik nicht erkennt, ob ich mich freue oder ärgere, bei ihm zu sein. Distanz aufbaue, nichts zulasse und falls doch: Schnellstens wieder abreiße. Ein klares ins-Gesicht-gucken, Mimik deutlich zeigen, nicht sofort ducken und vor allem: Danke sagen und lächeln sollte langfristig helfen.
Die Umsetzung erweist sich als schwierig, insbesondere weil Ergebnisse nicht sofort anwesend sind, jedoch: Zumindest einen geraden Rücken scheine ich zu bekommen, neulich schrieb ich an drei unterschiedliche alte Freunde aus Eigeninitiative eine Mail, ob man mal etwas trinken gehen könnte. Äußert ungewöhnlich für jemanden wie mich, der sich aus gespielter Schüchternheit immer nur einladen lässt. Was kam waren drei positive Antworten und ein gestärktes Ego. Vielleicht klappt das ja doch mit diesem… dem… Freunde. Ihr wisst schon.
August 3, 2008

Sie berührte mit ihrem Fuß beiläufig meine eigenen. Mir wurde erst unwohl, dann schlecht. Ich hatte dem Treffen lediglich zugestimmt, weil ich mich nicht mehr genau an sie erinnern konnte, sie keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte und vor allem: Weil ich nichts zu verlieren habe, ausser vielleicht einem guten Gesprächspartner, der sie nun mal war.
Und auch wenn eine Dreißigjährige nichts ist, was man einem Neunzehnjährigen als erste Freundin ans Herz legen sollte: Irgendwie reizte mich das Alter, die Erfahrung, der bereits gesetzte Lebensmittelpunkt. Nur war sie nicht mein Typ. Ich dachte, ich könnte mich darüber hinwegsetzen, von Äußerlichkeiten absehen, einfach Spaß haben und mit vollem Tempo auf meine erste Beziehung zu laufen, und dann berührte sie mich am Fuß.
Ich fing freundlich an, versuchte sie, als bereits verletzte Persönlichkeit, nicht weiter zu verletzen, erzählte ihr, ich sei noch nicht so weit. Sagte, ich bräuchte noch ein halbes Jahr, habe schon genug durchgemacht und wolle mich weiter zum positiven wenden, bevor ich mich auf etwas festes einlasse. Gedacht habe ich: Das ist nicht das, was ich wollte. Das ist nicht das, wofür ich kämpfe. Bloß raus hier.
Wir verabschiedeten uns im Guten mit beiderseitig anhaltenden schlechtem Gefühl. Sie so ins Messer laufen zu lassen war dumm von mir. Als ich später laß, wie sie über das Treffen empfand, glaubte ich an Parallelwelten. So muss sich also Liebe anfühlen.
Und so ein Korb.
August 3, 2008

Neulich fragte mich eine Kollegin, ob ich zufällig in die andere Kollegin verliebt wäre. Ich sagte, ich habe einfach eine Vorliebe für schöne Haare. Das war weder gelogen, noch die Wahrheit.
Nichts ist weiter von mir entfernt, als eine fünfunddreißigjährige Frau, aber ein so schönes Wesen, das weiß wo’s langgeht, mit dem man sich gut unterhalten kann, die einen festen Background hat, fantastische Spleens besitzt und vieles mitgemacht hat, lässt mich nicht kalt.
Sie hat einen Freund, lebt mit ihm zusammen und ich bin weit von ihr entfernt. Dennoch muss ich aufpassen, nicht noch einen Schritt in die falsche Richtung zu machen und meinen kleinen Jungsschwarm zu verraten. Sonst wache ich wohlmöglich im Eiswasser auf.